The agile onion – was es damit auf sich hat

by Selina

Agil Arbeiten liegt im Trend. Viele wollen heutzutage nach dieser Arbeitsweise den Alltag gestalten und die Entwicklung von Projekten vorantreiben. In Gesprächen höre ich oft: «Wir arbeiten jetzt nach Scrum, dies wurde bei uns im Unternehmen beschlossen.» Dass Scrum jedoch nur ein Rahmenwerk ist und es für agiles Arbeiten mehr als das braucht, vernachlässigen viele Unternehmen. Wie vielschichtig agiles Arbeiten ist und Agile Zwiebelwas es dazu braucht, zeigt die sogenannte «agile Zwiebel».

Der Kern der Zwiebel besteht aus den agilen Werten und Prinzipien, welche das «agile Sein» beschreiben. Die Organisationskultur und allen voran das Mindset bilden die Basis. Hier ist die Führung in besonderem Masse gefordert. Sie muss einerseits die nötige Umgebung im Unternehmen schaffen, welche eine agile Arbeitsweise zulässt und diese in der weiteren Entwicklung fördert. Andererseits kommt ihr eine wichtige Vorbildfunktion zu, denn agiles Arbeiten muss Top-Down gelebt werden, damit Kultur und Akzeptanz herrschen und die Werte und Prinzipien im gesamten Unternehmen gelebt werden. Erst wenn die ersten beiden Schichten bestehen, manifestiert sind und funktionieren, kann somit der weitere Aufbau beginnen. Mit Methoden und Praktiken wird dann das «agile Tun» vollzogen.

 

Das agile Manifest

Obwohl die agile Arbeitsweise hierzulande erst richtig an Bedeutung gewinnt, ist sie keine Erfindung der Neuzeit. Erste Ansätze agilen Arbeitens sind anfangs der 90er Jahre in der Softwareentwicklung zu finden. Richtig populär wurde die Arbeitsweise, als einige amerikanische Softwareentwickler 1999 das Buch Extreme Programming veröffentlichten. 2001 erst wurde für diese Art der Softwareentwicklung der Begriff agil gewählt. Während einem Treffen in Utah unterzeichneten 17 Softwareentwickler das sogenannte «agile Manifest». Wer agil arbeitet, hat sich – freiwillig oder unfreiwillig – sicherlich bereits damit auseinandergesetzt. Das Manifest beinhaltet vier Werte und zwölf Prinzipien und bildet somit den Kern der oben dargestellten Zwiebel.

Folgende vier Werte sind im Manifest verankert:

  1. Individuen und Interaktionen werden mehr geschätzt als Prozesse und Werkzeuge
  2. Funktionierende Software wird mehr geschätzt als umfassende Dokumentation
  3. Zusammenarbeit mit dem Kunden wird mehr geschätzt als Vertragsverhandlung
  4. Reagieren auf Veränderung wird mehr geschätzt als das Befolgen eines Plans

Obwohl auch die Werte der rechten Seite als wichtig empfunden werden, werden jene auf der linken Seite prioritär eingestuft.

Die zwölf Prinzipien agilen Arbeitens sind auf agilemanifesto.org ersichtlich.

Zu den bekanntesten agilen Methoden gehören Scrum und Design Thinking. Agile Praktiken sind die alltäglichen Werkzeuge, welche die Arbeitsweise ermöglichen. Dazu zählen beispielsweise das Scrum-Board und Dailys.

 

Warum agil Arbeiten

Agiles Arbeiten bietet viele Vorteile. Insbesondere, wenn man in einer schnelllebigen und dynamischen Branche tätig ist. Die permanente Ausrichtung am Kunden und seinen Bedürfnissen hilft, den ständigen Austausch zu pflegen, ein gemeinsames Verständnis für die Anforderungen an das Projekt/Produkt zu fördern sowie eine starke und vertrauensvolle Zusammenarbeit aufzubauen. Beim gewöhnlichen Wasserfallprinzip wird ein Projekt vorgängig sehr detailliert geplant, das Endresultat festgelegt und ein Budget gesprochen – grosse Änderungen während des Erarbeitungsprozesses vorzunehmen, ist schwierig. Da sich die Gegebenheiten am Markt jedoch rasch ändern können, kann bei der agilen Arbeitsweise schnell und flexibel darauf reagiert werden. Neue Anforderungen an das Produkt können einfliessen, nicht mehr brauchbare wegfallen. Der Kunde erhält nicht nach Projektabschluss ein fixfertiges Produkt, sondern kann dieses Häppchenweise nach jedem Sprintende testen und abnehmen. Die agile Arbeitsweise ist ein iterativer Prozess, der von Feedback gekennzeichnet ist. Ziel ist es, ständig zu lernen und sich zu verbessern. Als Feedback- und Reflexionsplattform dienen Daily, Weekly und vor allem die Retro nach Sprintende.

 

Was sind Stolpersteine?

Oft sind sich die Projektpartner bzw. Kunden nicht wirklich bewusst, dass sie Teil eines agilen Projektes sind. Wenn im eigenen Betrieb eine eher konservative Arbeitsweise herrscht, kann dies die Zusammenarbeit in einem agilen Projekt massiv erschweren. Weiter können zu Beginn ungenügend definierte Ziele während des Projekts zu Missverständnissen führen. Hierbei ist wichtig, dass die Verantwortlichkeiten klar geregelt sind. Da agile Projekte rollend geplant werden, können die Kosten nicht von Beginn weg abgeschätzt und offeriert werden. Sinnvoll ist demnach, ein Budget zu definieren und dieses in überschaubare Teile wie Phasen oder Meilensteine aufzuteilen. Eine laufende Budgetkontrolle, eine konsequente Priorisierung des Backlogs mit allfälligen Anpassungen sowie das Tracking von neuen Anforderungen und Änderungen führen zu mehr Effizienz und unterstützen den Projekterfolg. Vor allem in der Softwareentwicklung wird heutzutage ein Projekt selten fertiggestellt. Nach einem Release erfolgt die Weiterentwicklung. Dies sollte bei der Budgetierung berücksichtigt werden, weshalb es sinnvoller ist, Jahresbudgets anstelle einmaliger Projektbudgets zu sprechen.

 

Unser Verständnis von agilem Arbeiten

Viele stellen sich die Frage, ob sie ihre Arbeitsweise nur als agil bezeichnen können, wenn sie alle Punkte erfüllen, die im agilen Manifest niedergeschrieben sind oder sich beispielsweise genau an die Vorgehensweise vom Scrum Guide halten. Wir bevorzugen einen guten Mix aus bewährten Vorgehensweisen und Vorgaben sowie eigenen Regeln. Unsere Entwickler arbeiten in selbstorganisierten Teams mit Scrum in Wochensprints. Sie führen das wöchentliche Planning durch, treffen sich täglich einmal zum Daily, halten Weeklys ab sowie Reviews und Retros. Die Business Leute hingegen arbeiten nicht per se nach Scrum, nutzen jedoch für ihre tägliche Aufgabenerfüllung einzelne Elemente daraus. Dailys und Weeklys werden abgehalten um zu besprechen, welche Tages- bzw. Wochentasks geplant sind. Feedback geben und erhalten ist uns wichtig, da wir dadurch lernen und uns verbessern können.

 

Agiles Arbeiten und Gesundheit

Ein Forschungsprojekt hat ergeben, dass agiles Arbeiten die fünf Merkmale des Job Characteristics Model – Variabilität, Ganzheitlichkeit, Bedeutung, Autonomie und Feedback – erfüllt. Dies führt dazu, dass Mitarbeitende Sinnhaftigkeit und Verantwortlichkeit erleben und Kenntnisse über ihre eigene Arbeit haben, was zur Befriedigung des Bedürfnisses persönlicher Entfaltung führt. Dies erhöht die intrinsische Motivation, welche wiederum mit der Arbeitszufriedenheit korreliert (Tripp et al., 2016).

Kropp & Meier (2017) haben in ihren Studien Folgendes herausgefunden:

  • Je länger agil gearbeitet wird, desto mehr agile Praktiken werden angewendet.
  • Je länger agil gearbeitet wird, desto mehr berichten die Leute über mehr Spass an der Arbeit.
  • Je länger agil gearbeitet wird, desto weniger Stress wird wahrgenommen.
  • Je länger agil gearbeitet wird, desto weniger Überstunden werden geleistet.

Die Dauer der Erfahrung mit agiler Arbeit scheint demnach wichtig zu sein. Weiter wurde erforscht, dass gewisse Aspekte der agilen Arbeit Ressourcen stärken können, was sich positiv auf das Arbeitsengagement auswirken kann (Huck-Fries et al., 2019). Agile Praktiken haben somit motivations- und gesundheitsförderliches Potenzial, dies bestätigen erste Ergebnisse aus der Forschung. Die qualitative Umsetzung, aber auch die Erfahrung sind wichtige Elemente. Alle Schichten im Zwiebelmodell sind essentiell für erfolgreiches agiles Arbeiten. Wenn agiles Arbeiten eingeführt werden soll, dann richtig – was Zeit und Geduld braucht.