30 Jahre und plötzlich CEO

by Selina / Andrin

Andrin übernahm als CEO anfangs 2019 die Geschäftsführung unserer Digital Factory. Im Interview gibt er Auskunft über seinen Werdegang sowie seine Führungsprinzipien und verrät uns, was sich bei exanic in den letzten Jahren alles verändert hat. Zudem gibt er auch einen Einblick in seinen Alltag und verrät uns, wie er die Entwicklung der Digitalisierung sieht und wohin unser Weg in den nächsten Jahren führen soll.

Seit ungefähr eineinhalb Jahren bist Du nun als CEO bei exanic tätig. Was hast Du vorher gemacht und wie kam es zu diesem Schritt?

Ich musste mir nach dem Abschluss des Masterstudiums grundsätzlich überlegen, wohin mein Weg führen soll. Ich war einen Monat in Irland / Nordirland unterwegs und hatte dort auch die Gelegenheit, mir Gedanken zu machen. Es war vereinbart, dass wir nach meinen Ferien über meine Zukunft bei exanic sprechen. Als sich dann die Möglichkeit ergab, diesen Schritt zu machen, waren wir uns nach einigen Tagen Bedenkzeit relativ schnell einig. Auch wenn ich offen sagen muss, dass dies so nicht geplant war. Aber solche Chancen bieten sich nicht oft im Leben, schon gar nicht meinem Alter. Und da ich bereits zwei Jahre in der CEO-Stabstelle intensiv an unserer neuen Zukunft mitgearbeitet hatte, war eine Vertrauensbasis vorhanden und ich konnte relativ gut abschätzen, worauf ich mich einliess bzw. ich konnte mich mit diesem Weg identifizieren, was entscheidend war. Was die beiden Inhaber im Endeffekt nach 18 Jahren zu einem Führungswechsel bewogen hat, müssen sie selber ausführen.

Vor meiner Zeit bei exanic habe ich in einem grossen E-Government-Projekt im mittleren Osten im Bereich Informationssicherheit gearbeitet, habe mitgeholfen ein Startup im Sport- und Eventbereich aufzubauen und war in der IT- und Unternehmensberatung aktiv.

Inwiefern denkst Du, dass Du das Unternehmen in dieser Zeit prägen konntest?

Grundsätzlich überlasse ich es anderen, meine Leistung zu beurteilen. Zudem besteht immer die Gefahr, dass man dieser Rolle etwas zu viel Aufmerksamkeit schenkt bzw. ihren Einfluss manchmal überschätzt. Im Endeffekt braucht es immer ein Team, welches gemeinsam an einem Strang zieht. Gerade wir können uns auf einen sehr eingespielten Kern verlassen, der mit viel Herzblut dabei ist. Wir haben es in den letzten Jahren als Team geschafft, zukunftsfähige Strukturen für Wachstum zu schaffen und das Wachstum organisch zu realisieren. Dazu gehören Personal, Organisation und auch das Kundenportfolio. Dafür haben wir unser Profil geschärft – hin zu einem Spezialisten für massgeschneiderte und nutzerzentrierte Business Software für Web und Mobile. Von der Konzeption über die Umsetzung bis hin zum Betrieb in der Cloud – alles aus einer Hand. Wir haben das Mindset der Organisation verändert – sind mutiger, persönlicher und etwas progressiver geworden. Und dies ohne dabei unsere Philosophie zu ändern: wir machen weiterhin aus verhältnismässig wenig möglichst viel und möchten die Grossen der Branche herausfordern. Nicht zu vergessen sind auch unsere neuen Büros in Baar, welche uns sehr viele neue Möglichkeiten bieten, die wir bisher so nicht hatten. Mehr Flexibilität, spezifische Teamräume, Gamification-Ansätze, neue Arbeitsplatzkonzepte sowie firmenübergreifende Zusammenarbeit vor Ort mit Kunden und Partnern. Diesen Mut für neue Wege wollen wir in den nächsten zwei Jahren konsequent weiterleben und unser Fundament für eine langfristige Zukunft so schrittweise ausbauen.

Erzähl mal. Hast Du für alle da draussen, die mit 30 Jahren auch dort stehen möchten, ein Erfolgsrezept?

Nein, das habe ich nicht. Diese Möglichkeiten ergeben sich oder eben nicht. Zudem muss man auch offen sagen, dass es immer auch Glück braucht – man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Das ist nicht wirklich planbar. Ich hatte zudem das Glück, dass ich an meinen vorherigen beruflichen Stationen immer von erfahrenen Kollegen profitieren konnte und schon früh Einblick in die Welt der Unternehmensführung erhielt. Ich konnte mich einbringen und lernen, ohne die abschliessende Verantwortung übernehmen zu müssen. Das ist ein Privileg für die eigene Entwicklung. Ich habe immer versucht meinen eigenen Weg zu gehen und mir treu zu bleiben. Das bedeutet auch mal etwas egoistisch zu sein oder sich von Personen, Verbindungen oder Vorhaben zu trennen, welche nicht nachhaltig sind, nicht zur persönlichen Entwicklung passen oder einem sogar schaden können. Auch wenn das manchmal schwierig ist. Was man aber sicher sagen kann: harte und ehrliche Arbeit wird früher oder später, in welcher Form auch immer, belohnt. Man muss bereit sein mehr zu machen als andere und man muss mit Rückschlägen umgehen können. Aber auch das ist im Endeffekt keine Garantie, die gibt es bekanntlich nirgends. Früher oder später heisst übrigens nicht Tage oder Wochen, sondern Monate bzw. Jahre.

Wie ist dein Führungsverständnis?

Selbstreflexion ist der Weg zum Erfolg. Auch wenn es manchmal weh tut. Zudem ist eine klare Kommunikation der eigenen Erwartungen fundamental wichtig. Eigentlich logisch und doch im Alltag anspruchsvoll. Wichtig finde ich auch, dass man sich von alteingesessenen Firmengewohnheiten nicht von seinem Mut für neue Wege abbringen lässt. Veränderungen brauchen Zeit und viel Energie. Man sollte nie damit aufhören, immer wieder aufs neue alte Mauern einzureissen und Platz für Neues zu schaffen. Es braucht den Mut, getroffene Entscheidungen zu revidieren. Manchmal braucht es mehrere Iterationen bis zur finalen Lösung. Und auch die ist in unserer agilen Welt nicht immer von Dauer. Zudem versuche ich als Pragmatiker auch ab und zu auf mein Bauchgefühl zu hören – es ist kein allzu schlechter Begleiter. Auch wenn es manchmal schwerfällt. Weiter finde ich es zentral, nie den Antrieb und die Offenheit zu verlieren, immer wieder Neues zu lernen und sich mit unbekannten Dingen zu beschäftigen. Es ist die Basis für Fortschritt. Ich versuche, immer ein offenes Ohr für Anliegen zu haben. Das heisst aber nicht, dass man es immer allen Recht machen kann. Abschliessend sind mir Eigenverantwortung und Selbstbestimmung unserer Teams sehr wichtig. Das ist nicht immer einfach und mit Rückschlägen verbunden. Aber die Kolleginnen und Kollegen zahlen das Vertrauen langfristig zurück. Mit anderen Worten: gute Leistungen honorieren sehr viele Freiheiten. Und wer diese Leistung nicht erbringt oder nur Forderungen stellt, der ist bei uns im falschen Team. Das werden wir auch in Zukunft konsequent so handhaben. Auch wenn es bedeutet, von Zeit zu Zeit unpopuläre Entscheidungen im Sinne des gesamten Unternehmens treffen zu müssen.

Was sieht dein Alltag aus und was gefällt Dir an Deiner Rolle?

Böse Zungen behaupten, dass ich jetzt noch mehr rede und noch weniger arbeite ;-). Im Ernst: ich bin täglich mit vielen verschiedenen Themen beschäftigt. Das geht von Strategie, Finanzen, Organisation, HR über Business Development bis hin zu Customer Success innerhalb unserer Projekte. Viele Leute wollen etwas von mir. So muss ich den Kontext oft schnell wechseln, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten erkennen, Prioritäten setzen und (unpopuläre) Entscheidungen treffen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil man es selten allen Recht machen kann. Dazu gehört auch, das Team in gewissen Situationen zu schützen. Grundsätzlich versuche ich meistens die übergeordneten Zusammenhänge auf der Metaebene im Blick zu haben und tauche nicht in jedes Detail ein. Dafür haben wir hochqualifizierte Leute im Team, die das besser verstehen als ich und wissen, was sie tun. Meine Aufgabe besteht darin, gute Rahmenbedingungen für unser Team und das strategische Vorhaben zu schaffen und dafür zu sorgen, dass wir an den richtigen Prioritäten arbeiten – ich unterstütze dort, wo es mich braucht.

An meiner Rolle mag ich die unternehmerischen Zusammenhänge sowie die Abwechslung. Zudem finde ich es bereichernd, in kleineren Strukturen aktiv etwas bewegen zu können und nicht irgendwo in Hierarchien gefangen zu sein. Mein Ansporn liegt in erster Linie darin, dass wir mit unseren Softwarelösungen den Alltag von vielen Menschen prägen und erleichtern. Man hat einen Impact, arbeitet ein Stück weit an der Zukunft mit und hilft dabei, die Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft in der Digitalisierung zu meistern. Dies gilt beispielsweise insbesondere für newhome.ch, einer der führenden Immobilienplattform der Schweiz oder die Softwarelösung für Notfall- und Krisenmanagement e-mergency, mit welcher wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um den Alltag Vieler sicherer zu machen.

Stichwort Digitalisierung: Wie siehst Du grundsätzlich die ganze Entwicklung in Bezug auf die Digitalisierung?

Das ist eine schwierige Frage. Zu einem gewissen Teil ist in den letzten Jahren auch ein riesiger Hype entstanden. Ganz neu ist die Digitalisierung an sich ja nicht. Sie hat mit der Evolution zu cyber-physischen Systemen einfach nochmals ein neues Level erreicht. Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass der digitale Wandel unsere Gesellschaft auf allen Ebenen noch viel stärker und nachhaltig prägen wird. Die Innovationszyklen werden kürzer, die Veränderungen intensiver. Neue innovative Ideen oder Technologien machen das Leben einfacher und eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Ich persönlich finde es spannend, diese Entwicklung mitzuerleben und Teil davon zu sein. Allerdings glaube ich, dass es nicht ganz so schnell gehen wird, wie es vielerorts prognostiziert wird. Insbesondere die regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen werden mit der rasanten Entwicklung nicht Schritt halten können, was den Wandel indirekt etwas verlangsamt. Und das ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Und natürlich hat auch die Digitalisierung, wie alle Strömungen, ihre Nachteile. Gerade der zwischenmenschliche Teil kommt vielleicht an gewissen Orten zu kurz. Hier liegt es an uns Menschen, dass wir die ursprünglichen Formen des sozialen Kontaktes und indirekt die emotionale Intelligenz nicht völlig vernachlässigen. Ich glaube, eine gewisse Balance ist wichtig und der persönliche Kontakt mit Menschen sollte weiterhin das Fundament der Gesellschaft bilden.

Wo liegen die grössten Herausforderungen für KMU’s wie exanic, um im Wettbewerb zu bestehen?

Herausforderungen haben alle Marktteilnehmer. Vor- und Nachteile ebenso. Ich bin aber überzeugt, dass es gerade im Rahmen der Digitalisierung für Start-Up’s und kleinere KMU’s mehr Möglichkeiten gibt, den etablierten Firmen das Leben schwer zu machen. Das einzige was unsere Branche wirklich respektiert ist Innovation und nicht Tradition. Wir können mit effizienten und flachen Strukturen, dem richtigen Mindset und vergleichsweise geringen Mitteln viel bewegen. Wir sind uns gewohnt, aus wenig das Maximum herauszuholen. Agile Umsetzung vor endloser Konzeptarbeit, Mut vor Zurückhaltung, Miteinander vor Silo-Denken. Und ich glaube, dass die Kunden gerade auch im Bereich Digitalisierung vermehrt auf jüngere und dynamische Anbieter setzen, welche mit viel Drive anpacken und etwas bewegen wollen. Das ist zumindest auch das Feedback, dass wir in den letzten Jahren vom Markt mehrmals erhalten haben. Ich glaube deshalb, dass wir in dieser Hinsicht, mit unserem eingeschlagenen Weg, gut aufgestellt sind. Was aber nicht heisst, dass wir uns auch in Zukunft alles mit ehrlicher und harter Arbeit verdienen müssen. Die Rahmenbedingungen gelten nämlich auch für alle anderen. Und das ist wohl indirekt auch unsere grösste Herausforderung. Die Konkurrenz ist gross. Sie treibt uns aber auch an – und das ist gut so.

Lass uns aus aktuellen Anlass noch über COVID-19 sprechen: Sei ehrlich, welche Gedanken hattest du zu Beginn dieser Situation?

Ich denke mir ging es zu Beginn gleich, wie vielen anderen auch: Der Notstand wird in der Schweiz (glücklicherweise) sehr selten erklärt. Es war eine völlig neue Situation, die keiner so richtig einschätzen konnte. Unser Leben wurde plötzlich über Wochen drastisch runtergefahren, verlangsamt und hat sich geändert. Der Corona-Virus (COVID-19) bestimmte plötzlich den Rhythmus unserer Gesellschaft. Das muss man zuerst realisieren und dann versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und seinen Teil dazu beitragen. Geschlossenheit, Eigenverantwortung, Solidarität und konsequentes Handeln standen im Vordergrund. Für unsere Mitmenschen, unsere Wirtschaft und uns selbst. Das ist nicht ganz einfach. Vor allem deshalb, weil es für viele von uns erstmal Verzicht bedeutete. Und darin sind wir Schweizer vielleicht manchmal nicht ganz so stark. Es gab deshalb Diskussionen über Massnahmen und Handhabung, weil es sehr viele unterschiedliche Meinungen gab. Was in einer solch ungewohnten Situation auch normal ist. Im Endeffekt habe ich einfach versucht, meiner Linie treu zu bleiben und konsequent zu handeln, auch wenn das nicht immer allen gepasst hat - sowohl privat als auch beruflich. Ich bin gespannt, welche langfristigen Änderungen diese Krise für unsere Gesellschaft, die Wirtschaft und im Endeffekt für uns selbst haben wird.

Als Software-Unternehmen hatten wir den grossen Vorteil, dass wir problemlos remote arbeiten können. Bereits vorher hatten wir einen offenen Umgang mit Homeoffice. Wir konnten den operativen Betrieb deshalb innerhalb von zwei Tagen ins Homeoffice verlegen und waren in der Lage, unsere Kundenprojekte nahtlos weiterzuführen. Der Remote-Alltag gestaltete sich über diese lange Zeitspanne hinweg natürlich etwas schwieriger, weil u.a. der zwischenmenschliche Kontakt in der gewohnten Form fehlte. Aber insgesamt hat das Team sehr professionell auf die speziellen Umstände reagiert.